Im Gespräch mit Michael Reichelt

Anlässlich des 30 jährigen Jubiläums der Heilpädagogische Sozialdienste gGmbH steht uns Geschäftsführer Michael Reichelt Rede und Antwort in einem Interview

 

 

Im Rahmen unseres 30-jährigen Jubiläums der Lebenshilfe Heilpädagogische Sozialdienste gGmbH wollen wir uns etwas genauer vorstellen. Hierfür haben wir ein Interview mit Micheal Reichelt, unserem Geschäftsführer für euch und Sie vorbereitet.

 

1. Was haben Sie vor der Lebenshilfe gemacht? Wo liegen Ihre Anfänge?

Michael Reichelt ist seit 30 Jahren im sozialen Bereich tätig, allein 27 Jahre davon im kirchlich-diakonischen Bereich. Nach der Schule hat er Soziale Arbeit und Betriebswirtschaftslehre studiert. In seiner beruflichen Laufbahn war er immer mit Leitungs- und Führungspositionen betraut. Die erste Station, nachdem Studium, führte Ihn in den Vorsitz eines Trägers für Stadtteilarbeit. Denn sein Interesse galt schon immer der Kommunalpolitik und Stadtteilarbeit. Nach seiner Meinung hängen Politik und das Sozialwese unabdingbar zusammen. Und dass diese Bereiche in einem engen Austausch miteinander stehen sollten und müssen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Bedürfnisse sowie Anliegen von Menschen mit Behinderung auch Gehör finden und diese bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden.

 

2. Warum gerade zur Lebenshilfe - was hat Sie gereizt?

Seit nun schon 9 Jahren ist Michael Reichelt bei der Lebenshilfe Duisburg als Geschäftsführer tätig und kann auf eine spannende und auch herausfordernde Zeit zurückblicken. Ihn hat an der Lebenshilfe gereizt, dass diese nochmals einen komplett neuen Bereich der Eingliederungshilfe für Menschen mit Beeinträchtigung geboten hat. Zu Beginn seines Arbeitslebens hatte er zunächst keine guten Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt. Da in dem Wohnheim, in dem er angefangen hatte, strenge Regeln und Bevormundung an den Tag gelegt wurden. Die Bewohner:innen wurden dadurch eher entmündigt als unterstützt. Er hat den Bereich jedoch immer im Auge behalten und aktuelle Geschehnisse verfolgt. Jahre später hat er dann doch nochmals den Weg zur Eingliederungshilfe und somit zur Lebenshilfe Duisburg gefunden. In unserem Interview musste er aber offen gestehen: Ihm war am Anfang nicht klar, welchen großen Herausforderungen ihn bei der Lebenshilfe erwarten würden. Die ersten zwei Jahre mussten viele fachliche Strukturen reorganisiert, auf den aktuellen Stand der Dinge gebracht sowie teilweise auch komplett neue Strukturen und Abläufe geschaffen werden. Nachdem diese „Aufräumarbeit“ geschafft war, konnte sich neuen Aufgaben gewidmet werden. Wie etwa der Schaffung neuer Einrichtungen und der Erweiterung des Portfolios.

 

3. Was machen Sie in Ihrer Freizeit, als Ausgleich zum Beruf?

Als Ausgleich zum Job steht Motorrad fahren ganz oben auf seiner Liste. Sonst auch gerne sportliche Aktivitäten wie Volleyball spielen, Ski fahren oder ins Fitnessstudio gehen. Wenn es eher etwas ruhiger zugehen soll ist ein gutes Buch auch nicht verkehrt. Bevorzugt Sachbücher, Biografien oder auch der ein oder andere Ruhrgebiets-Krimi.

 

4. Was ist das Erfolgsrezept der Lebenshilfe Duisburg?

Als Besonderheit der Lebenshilfe sieht Michael Reichelt ganz klar die gute Vernetzung der verschiedenen Bereiche untereinander. Beispielhaft kann man hier die gute Zusammenarbeit der Kitas mit den Standorten der Interdisziplinären Frühförderung (IFF) nennen. Kinder, die bei der Lebenshilfe die Kita besuchen, können gleichzeitig auch kleine Klient:innen in der IFF werden. Die Mitarbeitenden können sich schnell über Veränderungen bzw. Bedarfe austauschen und optimal auf das Kind eingehen. So hat es die Lebenshilfe geschafft sich in den letzten Jahren als innovativer Träger der Behindertenhilfe in Duisburg zu etablieren. „Durch unser breit aufgestelltes Angebot schaffen wir es interessante und spannende berufliche Perspektiven für unsere Mitarbeitenden aufzuzeigen“. Denn durch die enge Vernetzung ist es den Mitarbeiter:innen möglich neue Bereiche zu entdecken und innerhalb des Unternehmens zu wechseln. Ebenfalls bietet die Lebenshilfe Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen an, zur fachlichen als auch zur persönlichen Entwicklung. Michael Reichelt sieht für die Klient:innen es als einen sehr großen Vorteil an, dass die Lebenshilfe es geschafft hat ein großes Netzwerk aus Verbänden und sozialen Trägern aufzubauen. So hat die Lebenshilfe die Möglichkeit aktiv mit zu gestalten und den Bedürfnissen der Klient:innen Gehör zu verschaffen.

 

5. Wie hat sich die Lebenshilfe in den letzten 30 Jahren entwickelt? Was ist besonders positiv hervorzuheben?

Besonders hervorzuheben ist der Umbau der Kita „Tausendfüssler“. Diese war die erste Kindertagessstätte der Lebenshilfe Duisburg. Und war zu Beginn eine rein heilpädagogische Einrichtung mit 8 Gruppen, mit je 6 Kindern. In dieser Einrichtung wurden ausschließlich Kinder mit einer Behinderung betreut. Zudem wurden die Kinder aus dem gesamten Stadtgebiet von einem Fahrdienst von Zuhause abgeholt, in die Kita gebracht und am Ende des Tages wieder nachhause gebracht. Somit bestand für die Kinder kaum die Möglichkeit andere soziale Kontakte zu sammeln. Dies änderte sich, als die Kita in eine inklusive Einrichtung mit 4 Gruppen umgebaut wurde. Somit bot die Kita Platz für 44 Kinder, mit und ohne Einschränkung. Mit dieser Art von Einrichtung war die Lebenshilfe Vorreiter im Landschaftsverband Rheinland. „Wir sind dezentral Strukturiert, die Leute müssen nicht mehr zu uns kommen, wir kommen mit unseren Einrichtungen zu den Leuten - in die Stadtteile“.

 

6. Was wünschen Sie sich für die Lebenshilfe?

Als Dienstleister wünscht sich Michael Reichelt von der Lebenshilfe, dass das Unternehmen immer „am Ohr der Betroffenen bleibt. Was sind die jeweiligen Bedürfnisse und Bedarfe?“ Und sich dahingehend ausrichtet. Ein großes Thema wird in den kommenden Jahren das Thema Digitalisierung sein. Hier ist das Stichwort „Künstliche Intelligenz“ (KI). Es ist denkbar, dass diese Systeme als Ergänzung auch in der Lebenshilfe Einzug erhalten. Beispielsweise in der Diagnostik und Therapie. „In der Medizin ist es schon längst Gang und Gebe, warum dann nicht auch bei uns?“ Der erste Schritt in diese Richtung wurde schon gemacht. Ein Jahr lang hat die Lebenshilfe in den Frühförderstellen den Einsatz und die Unterstützung von Tablets in der Förderung und Diagnostik getestet, darauf soll im weiteren Verlauf aufgebaut werden. Auch als Arbeitgeber hat Herr Reichelt für die Lebenshilfe große Wünsche, zeitlich befristete neue Arbeitsmodelle wie etwa eine 3-Tage-Woche bei einer 20 Stundenwoche stehen im Raum. Um so auf die neuen und sich stetig ändernden Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingehen können. Auch mit der diesjährigen Mobilitätsoffensive als Antwort auf die steigenden (Benzin-)Preise möchte die Lebenshilfe ihre Mitarbeitenden unterstützen.


7. Was wünschen sie sich für die zweite Geschäftshälfte 2022?

Für die zweite Jahreshälfte hat Michael Reichelt nur einen großen Wunsch, dass die Eröffnung der neuen Einrichtung des „Bunten Hauses“ wie geplant, problemlos verläuft. Vor einigen Wochen hatten die Bauarbeiten und Fortschritte der letzten Monate einen Rückschlag erlitten. Durch Vandalismus Schäden ist es zu kleinen Verzögerungen gekommen. In diesem Zuge mussten bsp. Termine mit Lieferant:innen neu geplant und verlegt werden. Jedoch ist Herr Reichelt optimistisch, dass einer Eröffnung im Spätsommer nichts im Wege stehen wird.

 

8. Wunschvorstellung: Ohne Rücksicht auf Kosten und den Organisationsaufwand, was wünschen Sie sich für die Lebenshilfe in den nächsten 30 Jahren?

Michael Reichelt ist es sehr wichtig, dass man immer auch die Sicht der Betroffenen einnimmt. Hier wünscht er sich eine Ausgestaltung von Hilfsprozessen individuell auf den Einzelnen abgestimmt. Alle sollen selbst entscheiden können und dürfen, welche Leistungen, sie bei welchem Anbieter/Träger beziehen wollen. Natürlich müssten hierfür entsprechende finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Bei den Kitas und Schulen wünscht er sich, dass das Thema Inklusion erweitert wird. Gerade in den Schulen sieht er einen großen ausbaubedarf. Das größte Problem ist, dass kaum zusätzliche sonderpädagogische Fachkräfte für Kinder mit Förderbedarf zur Verfügung stehen. Auf die Kinder kann im Schultag meist nicht richtig eingegangen werden und die Kinder werden eher mitgeschleppt als vernünftig nach ihren Bedarfen unterstützt. Durch eine Optimierung des Bildungssystems sieht er die Möglichkeit, dass auf Dauer Sondersysteme/Sonderschulen immer weniger werden und es auch Kindern mit einer Behinderung so möglich gemacht wird eine Ausbildung oder ein Studium aufzunehmen. Inklusion soll gelebt werden.

 

9. Und zum Abschluss ein paar Spaß-Fragen: Ihr Lieblingsessen und ihr Lieblingsreiseziel?

Ein liebstes Essen gibt es nicht, Fisch, Fleisch oder auch ein leckeres Veggie-Gericht, das kommt bei ihm alles auf den Tisch. Bei dem Liebsten Reiseziel sieht die Vorstellung dann wieder konkreter aus „Mittel- und Südamerika stehen noch auf meiner Liste. Die Mentalität der Leute gefällt mir - sehr relaxed und offen. Auch gibt es dort tolle Landschaften, ganz anders als, dass was wir aus Deutschland oder Europa kennen.“

Und wie sieht Ihr perfekter Sonntag aus?
Bei der Frage nach dem perfekten Sonntag muss Michael Reichelt leicht schmunzeln: „7 Uhr aufstehen – Fitnessstudio. Danach ein gutes Frühstück. Im Anschluss, wenn es das Wetter zu lässt – Motorrad fahren. Nachmittags dann ein schönes Stück Kuchen, abends den Tag bei einem leckeren Essen ausklingen lassen. Und danach nur noch chillen.“

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